• Der Aufsatz entfaltet die ‘Poetik’ der Vorsicht in Jean Pauls später Satire “Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz”. Dies ausgehend vom Wort ‘Vorsicht’ in seinen drei Bedeutungen (Voraussicht, Vorsorge und Vorsehung). Mit der Vorsicht im Sinne eines zukunftsgerichteten Vermögens geht in der Satire vor der Folie der göttlichen Vorsehung die Darstellung vor(aus)sichtigen Denkens einher, mit dem Schmelzle im Dienst der Vorsorge mögliche Geschehnisse und Handlungsverläufe entwirft. Dabei führt Jean Paul die aufgeklärte Vorsicht formal in die Reflexion und generiert so den literarischen Text, womit er als Vertreter einer genuin poetischen Vorsicht hervortritt. Um diese These zu begründen, wird Jean Pauls ‘Poetik’ der Vorsicht im “Schmelzle” in vier Lektüre-Schritten rekonstruiert: Im ersten Schritt ist das Augenmerk auf die Narrativik der Vorsicht vor dem Hintergrund von Jean Pauls charakterzentriertem Erzählkonzept gerichtet, wobei die Vorsicht als dargestellte Phantasie erhellt wird (I.). Auf dieser Grundlage wird Schmelzles Erzählweise erzählender Vorsicht einerseits als Antwort auf das moderne Praxiswissen erörtert (II.), andererseits als Kompensation eines verunsicherten Vorsehungsglaubens. Die dabei rekonstruierte Parodie des Stoizismus (genauer: die Parodie auf den dem Stoizismus zuwider handelnden Feldprediger) ist Ausdruck einer im Spätwerk scheiternden Selbstsorge, mit der Jean Paul nicht nur eine Kritik am Zeitgeist formuliert, sondern auch frühere Modelle der Lebenskunst aus seinem Texuniversum neu zusammenführt und gleichsam bilanziert (III.). Abschließend wird die Vorsicht als selbstreferentielle Szene der Prosa und damit als Integral des satirisch-humoristischen Textes lesbar gemacht (IV.).