• Seit der frühen Neuzeit standen geschichtsmächtige Gruppen im Zentrum historischer Meistererzählungen. Vor allem die Umgestaltung der römischen Welt zwischen Antike und Mittelalter erklärte man durch die Wanderungen von Völkern, mit Dekadenzmodellen und konstruierten nationalen Charakteren. Meist wurde eine klare ethnische, kulturelle oder gar rassische Abgrenzung betont, etwa scharf zwischen einer historischen Rolle von Romanen, Germanen und Slawen unterschieden. Generell überschätzte die ältere Forschung die Bedeutung ethnischer Identität. Seit den 1970er Jahren entwickelte sich schrittweise eine differenziertere Zugangsweise. Historische Forschung kann nun keine allgemeinen Modelle bieten. Gleichzeitig tangieren die einschlägigen Ansätze jedoch weitreichende und grundlegende Fragestellungen, die weit über die Geschichtswissenschaft und Archäologie hinausreichen. Allgemeinere Überlegungen müssten zumindest die Sozialanthropologie, Soziologie, Ethnologie und Philosophie in den verschiedenen europäischen Wissenschaftstraditionen berücksichtigen (Brather, Ethnische Interpretationen, 11-157).